Donnerstag, 7. August 2014

Stimmungstief

Vor wenigen Tagen habe ich noch groß herumgetönt, wie gut ich die zwei Eileiterschwangerschaften und die niederschmetternde Diagnose danach doch weggesteckt hätte. Wie gut es mir doch geht. Wie differenziert und rational ich doch alles betrachte.

Dass ich seit drei Wochen Schlafstörungen habe, Augenränder bis zu den Knie habe, ich lustlos bin, schlecht gelaunt bin, ich auf der Arbeit völlig ineffektiv bin, der Appetitt ausbleibt und die Lust auf mein Lieblingshobby Nähen oder Stricken komplett abhanden gekommen ist, das hat mich nicht gewundert. Nein, ich war der felsenfesten Überzeugung, dass es mir gut geht.

Gestern Abend haben mein Lieblingsmann und ich uns Fotos auf seinem Handy angeschaut. Unter anderem auch Fotos von unserem letzten gemeinsamen Urlaub. U. a. war dort auch ein Video enthalten. Zu sehen war ich, wie ich vom Strand kam. Ich sah meine - durch die frühe Schwangerschaft schon - vergrößerten Brüste und blickte etwas weiter herunter auf meinen Bauch. Vor wenigen Wochen waren wir noch zu Dritt...

Am späten Abend konnte ich dann mal wieder nicht einschlafen. Schaute mal wieder meine neue Lieblingsserie "Brothers & Sisters". Ich tauche - wie schon seit Wochen - in meine heile Welt ohne Probleme ein, in der sich alle lieb haben und merke, dass mich das nicht mehr ablenken kann. Nachdem ich lange Zeit mit einem Gedankenwirrwarr aus Arbeit, Einkaufen, Nachrichten, Familie etc. denke, schlafe ich ein.

Heute morgen bin ich dann um 4:30 aufgewacht. Mal wieder - wie fast jeden Morgen in letzter Zeit. Und das, obwohl ich mittlerweile sehr spät einschlafe. Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich habe den ganzen Mist noch lange nicht verkraftet. In keinster Form verarbeitet und mein Trauerprozess ist noch lange nicht vorbei.

Ich fühle mich im Moment ein wenig hilflos. Zwischendurch kommen kurzzeitig immer wieder Bilder und Gefühle von der Nachricht in mir hoch, wie ich die Diagnose der zweiten Schwangerschaft erhalten habe. Wenn ich die Gedanken zulasse, die ich die ganze Zeit verdrängt habe, schmerzt es mich im ganzen Körper. Ich kann damit nicht umgehen. Ich weiß nicht, wie ich das verarbeiten soll. Ich musste in meinem Leben schon so viel aushalten, deutlich mehr als andere Menschen. Alle Stolpersteine und Felsen, die mir in meinem Leben in den Weg gestellt wurden, habe ich - nicht selten mit viel Mühe - überstanden. Aber ich bin immer wieder aufgestanden, habe mein Krönchen zurecht gestutzt und bin weiter gegangen und habe hämisch nach hinten geschaut und gelacht. Diesmal gelingt mir das nicht so recht. Ich komme gerade nicht hoch, kann weder aufrecht stehen noch gehen und habe gerade auch nicht das Gefühl, dass mir da jemand aufhelfen kann. Mein Akku ist gerade leer und kein Ladegerät in der Nähe.

Am Anfang der Woche war ich auf dem Geburtstag meines Neffen. Meine Familie war dort. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, eine intakte Familie zu haben. Liebende Eltern, die den Schmerz mit meinem Lieblingsmann und mir teilen könnten. Aber die habe ich nicht. Ich habe ein sehr schlechtes und mittlerweile nur noch oberflächliches Verhältnis zu meinen Eltern. Zu meiner Schwester hatte ich mal ein sehr gutes Verhätnis, aber auch das ist durch diverse Streiterein nicht mehr intakt. Deshalb weiß es niemand aus meiner Familie. Es ist so schade, wenn man von niemandem aufgefangen werden kann. Mein Lieblingsmann ist gerade selber zu schwach und bräuchte eigentlich auch jemanden, der ihn mal auffängt. Aber im Moment können wir uns gegenseitig nicht helfen.

Mein Lieblingsmann versucht gerade seinen Akku mit etlichen Aktivitäten mit Freunden und Bekannten aufzuladen. Ich schleppe mich immer mit, kann und will das aber eigentlich gerade nicht. Ich halte das gerade nicht aus, dass alle gut gelaunt sind und über ihre oberflächlichen Probleme sprechen. What the fuck interessiert mich, ob das nächste Auto des Freundes rot oder schwarz sein soll oder ob man nach Thailand oder nach Mallorca in den Urlaub düsen soll? Dieser ganz oberflächliche Mist kotzt mich gerade einfach nur an.

Einer unserer besten Freunde meidet uns gerade, weil er gerade selber einen frisch geborenen Säugling hat und Angst hat uns damit zu konfrontieren. Die anderen guten Freunde, die davon wissen, gehen mir mittlerweile zu oberflächlich mit dem Thema um. Aussagen wie "wenn es beim dritten Mal nicht klappt, würde ich es auch sein lassen" oder "wenn es nicht klappt, könnt ihr ja immer noch ein Kind adoptieren", sind Sätze, die ich im Moment nicht hören möchte. Ich weiß, dass niemand im Moment die richtigen Worte sagen kann und wird. Denn niemand, der solch eine Situation nicht kennt, weiß was diese Situation tatsächlich bedeutet.

Wir sind morgen auch mal wieder mit Freunden verabredet, die nichts von unserer Situation wissen und auf die ich gerade gar keine Lust habe. Im Moment möchte ich am liebsten - so wie heute - alleine zu hause sitzen und traurige Musik hören und meine Gedanken herunterschreiben. Morgen ist erst mal Schluss mit diesem oberflächlichen Verabredungskram. Wenn mein Freund meint, dass tun zu müssen, soll er das tun. Aber ich mach das ab Samstag nicht mehr mit. Ich gestehe mir jetzt ein, den ganzen Mist erst mal in Ruhe aufzuarbeiten. Weglaufen und ignorieren ist eben auch keine gute Methode.


Im Hintergrund habe ich übrigens die ganze Zeit ein Lied von Lara Fabian "Broken Vow" gehört. Die Lieder von Lara Fabian sind wunderschön. Es lohnt sich, sich auch andere Lieder wie "Je suis malade" und v. a. "Adagio" einmal anzuhören:




I let you go, I let you fly
Why do I keep on asking why?
I let you go, now that I've found a way to keep somehow
More than a broken vow

I close my eyes
And dream of you and I and then I realise
There's more to love than only bitterness and lies
I close my eyes

Kommentare:

  1. Liebe Lisa,

    was die Eileiterschwangerschaft(en) anbelangt kann ich wohl nur erahnen wie es dir geht. Wahrscheinlich nicht mal das. Was den bisher unerfüllten Kinderwunsch anbelangt fühle ich aber zu 100% mit dir.

    Aus eigener Erfahrung kann ich sagen dass Freunde meist nicht wissen wie sie mit dem Thema umgehen oder was sie sagen sollen. Bei mir ist aus diesem Grund die Freundschaft zu meiner ehemals besten Freundin deutlich abgekühlt. Weil sie, obwohl sie mal in der selben Lage war wie ich es jetzt bin, einige Dinge zu mir gesagt hat die, aus meiner Sicht, einfach nicht gehen und nur noch mehr verletzen. Ähnlich der Dinge die eure Freunde zu euch gesagt haben.

    Ja, wir stecken in einer scheiß Situation. Definitiv. Aber, und da bin ich mir ganz, ganz sicher: Wir schaffen es da durch!!!! Wir alle!!!

    Was am Ende dabei raus kommt kann uns niemand sagen. Aber wir können alles dafür tun um unseren größten Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen. So weit jeder einzelne eben dafür gehen möchte. Wie weit das ist das weiß nur jeder für sich. Denn es ist schlicht jeder anders.

    Und wie dein Blog-Name schon sagt: Nach Regen kommt Sonnenschein. Und das trifft in jedem einzelnen Fall zu. Ganz sicher!

    Fühl dich, unbekannterweise, einfach mal gedrückt.

    Alles wird gut. Ganz sicher!!!

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  2. Hey Lisa,

    da mir auch Filme (in der Situation traurige) und vor allem auch Musik hilft schlage ich dir diese zwei Lieder von Evanescense vor:
    My Immortal - kennen die meisten:
    https://www.youtube.com/watch?v=A1mPY9z4kvQ
    Breath no more:
    https://www.youtube.com/watch?v=412HaCvi1fs

    Ich wünsche dir ganz viel Kraft um das Erlebte zu verarbeiten und ganz viel Kraft für die IVF/ ICSI

    LG

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